Elektromobilität verleiht der europäischen Automobilbranche Auftrieb in schwierigen Zeiten

Der europäische Automobilmarkt befindet sich laut eines neuen Reports von Creditreform Rating auch 2022 in schwierigen Zeiten.

Die Kernaussagen des Reports in Kürze:

  • Sinkendes Produktionsvolumen für Personenkraftwagen in Europa im ersten Halbjahr 2022
  • Rückläufige Zahl der PKW-Neuzulassungen: In Europa fielen die Neuverkäufe ggü. H1-2021 um 14 %
  • Marktanteil der Elektrofahrzeuge nimmt um 8 Prozentpunkte auf 37 % zu
  • Nachfrage nach Gebrauchtwagen durch Angebotsknappheit deutlich begrenzt
  • Volumen der primären Auto-ABS-Emissionen sinkt im Vergleich zum H1-2022 auf insgesamt 10,4 Mrd. Euro (- 6 %)

Nachdem die Marktsituation 2021 vor allem durch die weltweite Halbleiterknappheit beeinflusst wurde, sorgten im ersten Halbjahr 2022 neue Faktoren für Gegenwind und verschärften die Beschränkungen auf der Angebotsseite zusätzlich. Hierzu zählen neben Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie die aktuellen geopolitischen Spannungen, die schwankenden klimatischen Bedingungen sowie die steigenden Rohstoffpreise. In der Folge sank das Produktionsvolumen für Personenkraftwagen in Europa im ersten Halbjahr 2022 deutlich. So verzeichnete das Vereinigte Königreich das schwächste erste Halbjahr seit der Finanzkrise 2009 – im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ging die Produktion um fast ein Fünftel zurück. In Deutschland fiel der Rückgang des Produktionsvolumens im Vergleich zum Vorjahr mit 3 % moderater aus, lag aber 33 % unter dem Niveau vor der Pandemie.

Mehr Herausforderungen, weniger Neuzulassungen

„Der Krieg in der Ukraine, die Abschottung Chinas aufgrund der Covid-19-Pandemie, die Hitzewellen in mehreren Teilen des Globus – die Herausforderungen waren im ersten Halbjahr 2022 auch für die Automobilindustrie enorm und haben den Druck auf die Lieferketten noch einmal erhöht. Insbesondere die angespannte Situation bei den Lagerbeständen einiger wesentlicher Vorleistungsgüter ist einer der größten Faktoren, der den Absatz momentan begrenzt“, sagt Dr. Benjamin Mohr, Head of Public Finance and Economic Research. Die Zahl der PKW-Neuzulassungen war trotz der weiterhin hohen Nachfrage in den meisten Volkswirtschaften weltweit rückläufig. In Europa[1] fielen die Neuverkäufe im Vergleich zum ersten Halbjahr 2021 um fast 14 % auf 5,4 Mio. Einheiten, wobei die fünf wichtigsten Märkte zweistellige Rückgänge verzeichneten. Auf dem US-Automobilmarkt war eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Hier verringerten sich die Verkäufe um 25,7 % auf 2,8 Mio. Einheiten. Ein entgegenlaufender Trend zeigt sich in China: die PKW-Verkäufe stiegen im Jahresvergleich um 3,4 % auf 1,2 Mio. Einheiten – diese Entwicklung ist vor allem auf einen Zuwachs von 40 % allein im Juni zurückzuführen.

Nachfrage nach Elektromobilität erhöht Druck auf Ladeinfrastruktur

Ein Aufschwung lässt sich laut Creditreform Rating weiterhin im Segment der Elektrofahrzeuge beobachten. In der ersten Hälfte des Jahres 2022 nahm ihr Marktanteil um 8 Prozentpunkte auf 37 % zu, was vor allem auf das starke Wachstum bei den batterieelektrischen Fahrzeugen (BEV) zurückzuführen ist. Die BEV-Zulassungen stiegen im Jahresvergleich um 33 %, was einen Marktanteil von nunmehr 9 % (+ 3 Prozentpunkte) bedeutet. Im Gegensatz dazu erlitten die traditionellen Benzin- und Dieselantriebe, starke Anteilsverluste. Die europäischen Automobilhersteller sind auch in der Produktion stark darum bemüht, die gesamten Kohlenstoffemissionen zu reduzieren. Seit 2006 konnten diese um 46 % gesenkt werden. Zudem haben auch staatliche Regulatorien zu einem höheren Marktanteil von Elektrofahrzeugen geführt. Allerdings kann die Automobilindustrie die Reduzierung der Kohlenstoffemissionen nicht allein vorantreiben. Um einen vollständigen Beitrag zur Kohlenstoffneutralität zu leisten und einen radikalen Wandel hin zur Elektromobilität herbeizuführen, müssen weitere Faktoren gesichert werden, darunter verstärkte Investitionen der Regierung in den Aufbau einer EU-weiten Ladeinfrastruktur und die gesicherte Verfügbarkeit von Schlüsselrohstoffen. Obwohl die Zahl der Ladepunkte in den vergangenen fünf Jahren stark zugenommen hat (+ 180 %), gibt es nach wie vor erhebliche Defizite und große Verteilungslücken in Europa. So konzentriert sich fast die Hälfte aller Ladepunkte für Elektroautos in der gesamten EU-Region auf nur zwei Länder – die Niederlande und Deutschland.

Angebotsknappheit trübt Nachfrage nach Gebrauchtwagen

Neben Elektrofahrzeugen ist auch die Nachfrage auf dem Gebrauchtwagenmarkt nach wie vor gegeben, jedoch wird diese durch die herrschende Angebotsknappheit deutlich begrenzt. Der deutsche Markt erwies sich in Bezug auf die Transaktionen als besonders anfällig, da er im ersten Halbjahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 14,6 % zurückging, gefolgt von Frankreich und dem Vereinigten Königreich. Spanien war in dieser Hinsicht am widerstandsfähigsten, da es dort gelang, die Nachfrage größtenteils durch Importe zu befriedigen. Das eingeschränkte Angebot in Verbindung mit steigenden Energiekosten und einer erhöhten Verbraucherpreisinflation spielte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Restwerte. In Deutschland, Frankreich und Spanien stiegen die Restwerte aufgrund des erheblichen Aufwärtsdrucks auf die Listenpreise leicht an. Auf dem britischen Markt gerieten die Restwerte aufgrund der stark gestiegenen Volatilität unter zunehmenden Druck. „Geht man davon aus, dass der Druck auf die Lieferketten im Laufe des nächsten Jahres allmählich nachlässt, dürften sich die durchschnittlichen Zuwächse bei den Restwerten in der zweiten Jahreshälfte 2022 abschwächen und sich dann 2023 stabilisieren“, prognostiziert Fabienne Riefer, Senior-Analystin bei Creditreform Rating.

Volumen der Auto-ABS-Emissionen auf niedrigem Niveau

Das Volumen der primären Auto-ABS-Emissionen belief sich im ersten Halbjahr 2022 auf insgesamt 10,4 Mrd. Euro, was einem Rückgang von fast 6 % gegenüber dem entsprechenden Zeitraum 2021 entspricht. Das in diesem Zeitraum beobachtete Emissionsvolumen war das zweitschwächste Ergebnis der vergangenen zehn Jahre – lediglich im ersten Halbjahr 2019 wurde ein niedrigeres Volumen beobachtet (10,0 Mrd. Euro). Mehr als ein Drittel der Neuemissionen stammten aus Deutschland, verglichen mit etwas mehr als einem Viertel und etwa einem Fünftel aus Spanien bzw. Frankreich. Während auf dem italienischen Markt keine ABS-Emissionen stattfanden, sank der Anteil des Vereinigten Königreichs an den Primäremissionen auf nur 3,5 % und lag damit deutlich unter dem durchschnittlichen Marktanteil von rund 18 % in den letzten fünf Jahren.

Auch der Marktanteil der Captives am Neuemissionsvolumen sank unter ihren langfristigen historischen Durchschnitt von 66 % und fiel auf knapp unter 50 % – ein Niveau, das zuletzt 2019 verzeichnet wurde. Volkswagen, Renault, BMW, Daimler und Stellantis gehörten zu den aktivsten Emittenten. Auf der anderen Seite wurde der Marktanteil der Nicht-Emittenten, der über 50 % lag, von der BBVA angeführt, die allein im ersten Halbjahr 22 die meisten Emissionen im Wert von 2,2 Mrd. Euro vornahmen.

Ungewisse Aussichten für den restlichen Jahresverlauf

Mit Blick auf die Zukunft sieht Mohr neben zahlreichen Herausforderungen auf der Angebotsseite auch einige Lichtblicke: „Das derzeit unsichere makroökonomische Umfeld, welches durch eine hohe Inflation, steigende Zinssätze und sich abschwächende Wachstumsaussichten gekennzeichnet ist, könnte dazu führen, dass die Haushalte aufgrund des sinkenden real verfügbaren Einkommens zunehmend mit ihren Finanzen zu kämpfen haben. Höhere Kreditkosten könnten die Verbraucher dazu zwingen, große Anschaffungen wie Autos und Häuser zunächst zu überdenken oder aufzuschieben und stattdessen vermehrt zu sparen. Andererseits sind die Arbeitsmärkte nach wie vor angespannt und die während der Pandemie angesammelten Ersparnisse bieten immer noch einen gewissen Puffer für den Fall einer steigenden Inflation. Daher ist davon auszugehen, dass der PKW-Absatz sowohl auf dem Neu- als auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt auch in der zweiten Jahreshälfte einen gewissen Nachholbedarf hat.“ Gleichzeitig geht die Ratingagentur davon aus, dass die Emissionen auf dem Auto-ABS-Primärmarkt perspektivisch begünstigt werden, da die Anleger aufgrund der niedrigen Ausfallraten und der hohen Restwerte einen starken Appetit verspüren, wenngleich zinsabwerfende Anlagen im Zinszyklus wieder an Attraktivität gewinnen dürften.

Den Report finden Sie auch unter folgendem Link: https://www.creditreform-rating.de/de/research/kapitalmaerkte.html

[1] EU-27 + Vereinigtes Königreich